Bürokratie oder Mut?
- khoffmann1
- 13. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Ich erinnere mich noch genau an die Folie.
430 Produkte, 260 Kunden und eine Umsatzkurve, die nach oben zeigte. Alle im Raum waren stolz. Ich auch. Kurz.
Dann stellte ich dem Finanzchef eine einfache Frage: „Wie viele dieser Produkte verdienen tatsächlich Geld?"
Stille.
Keine dramatische Stille. Eher die unbehagliche Sorte. Die, die entsteht, wenn jemand eine Frage stellt, auf die alle die Antwort ahnen – aber niemand sie laut aussprechen wollte.
Die Antwort kam kurze Zeit später.
Nach einer Analyse, die niemand in Auftrag geben wollte – weil alle wussten, was sie zeigen würde. 80% Prozent unseres Gewinns kam von 12% Prozent unserer Produkte.
Ein erheblicher Teil unserer Kunden kostete uns mehr, als sie einbrachten. Nicht offensichtlich zumindest nicht in der Umsatzspalte. Aber wenn man Service, Lagerhaltung, Sonderkonditionen, Reklamationen und die Zeit unserer besten Leute zusammenrechnete – dann war die Rechnung eindeutig. Wir hatten kein Wachstumsproblem.
Wir hatten ein Mut-Problem.
Dann kamen die Gespräche.
Produkte streichen, Kunden loslassen, von Mitarbeitern trennen und dadurch Bürokratie abbauen und Effizienz schaffen, Abläufe vereinfachen und Fokus auf das Wesentliche.
Mit dem Vertriebsleiter, der mir erklärte, warum Kunde X unverzichtbar sei. Nicht wegen der Zahlen – die waren schlecht, sondern wegen der Beziehung. Wegen der Geschichte und wegen dem, was dieser Kunde einmal bedeutet hatte.
Mit dem Produktmanager, der mir erklärte, warum Produkt Y nicht gestrichen werden könne. Nicht wegen der Marge – die war negativ, sondern wegen der Vollständigkeit des Portfolios. Wegen dem Kunden, der es vielleicht irgendwann brauchen könnte.
Mit den Kollegen, die mir erklärten, warum dieser Mitarbeitende trotz allem eine weitere Chance verdiene. Nicht wegen der Leistung – die war nicht da, sondern wegen der Loyalität und den Jahren. Wegen dem Gefühl, dass man Menschen nicht einfach fallen lässt.
Ich hörte zu.
Ich verstand jeden einzelnen dieser Gründe.
Und dann traf ich die Entscheidungen trotzdem.
Wir strichen Produkte, nicht alle, aber radikal mehr, als sich irgendjemand vorstellen konnte. Wir trennten uns von Kunden. Nicht leichtfertig, aber konsequent und überall dort wo die Zahlen eine klare Sprache sprachen. Wir trennten uns von Mitarbeitenden.
Was danach passierte, überraschte selbst mich.
Das Team atmete auf. Nicht sofort und nicht laut, aber spürbar.
Die Leistungsträger – die Stillen, die Zuverlässigen, die jeden Tag ihr Bestes gaben – merkten plötzlich, dass Konsequenz bei uns keine leere Phrase war und dass gute Arbeit einen Unterschied macht. Dass das Unternehmen weiß, was es hat. Die Komplexität sank und gleichzeitig stieg die Energie.
Und die Zahlen? Die sprachen irgendwann für sich.
Aber ich will ehrlich sein.
Diese Entscheidungen haben keine Freunde geschaffen.
Der Vertriebsleiter war monatelang still. Einige Kollegen verstanden es nie. Manche Kunden reagierten mit Unverständnis, manche mit Verärgerung.
Und ich stand in diesen Momenten allein.
Nicht weil ich keine Unterstützung gehabt hätte, sondern weil das die Natur solcher Entscheidungen ist. Die Last liegt beim Entscheider. Immer. Was mir gefehlt hat – was ich mir gewünscht hätte – war nicht jemand, der mir sagt, was zu tun ist. Das wusste ich.
Sondern jemand, der mich fragt: „Warum hast du noch nicht angefangen?" oder "Was fehlt dir um diese Entscheidung zu treffen?"
Das ist die unbequemste Frage in der Unternehmensführung.
Nicht „Was musst du tun?", sondern „Was hält dich davon ab, das zu tun, was du bereits weißt?" Meistens ist die Antwort nicht Unwissenheit. Meistens ist die Antwort Komfort, Harmonie und die Hoffnung, dass es sich von selbst löst. Die Überzeugung, dass man noch ein bisschen warten kann. Und jede Woche, die man wartet, kostet.Geld, Energie und Vertrauen und ist eine stille Botschaft an alle, die zuschauen.
Ich nenne das das Mut-Konto.
Jede Entscheidung, die man hinausschiebt, zieht davon ab.
Jede Entscheidung, die man trifft – auch die schwere, auch die unbeliebte – zahlt darauf ein - ja manchmal sogar die falsche Entscheidung.
Und Führungskräfte, die ein volles Mut-Konto haben, treffen bessere Entscheidungen. Nicht weil sie mutiger geboren wurden, sondern weil sie gelernt haben, die Stimme ganz hinten im Kopf - oder manchmal die leise Stimme im Bauch - nicht zu ignorieren.
Die Stimme, die sagt: Du weißt es bereits.
Ich bin IHR Unternehmerspiegel.
Ich liefere keine Lösungen. Ich erstelle keine Portfolioanalysen. Ich sage Ihnen nicht, welche Produkte zu streichen sind oder welche Kunden zu gehen haben.
Aber ich stelle die Frage, die Ihr Umfeld nicht stellt.
Die eine Frage, die alles in Bewegung setzt.
„Was kostet Sie Ihre Zurückhaltung – jeden einzelnen Tag?"
Wenn Sie gerade an eine Entscheidung denken, die Sie schon zu lange vor sich herschieben – dann melden Sie sich bei mir - oder stellen sich SELBST obige Frage.
Schreiben Sie mir. Nicht für ein Konzept. Sondern für das Gespräch, das den Unterschied macht.





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